Wir sind Freizeitsportler. Manche vielleicht etwas ambitionierter als andere, aber im Großen und Ganzen nutzen wir einen Teil unserer Freizeit und investieren die Zeit in unsere Fitness und unseren Körper. Daran kann doch eigentlich erstmal nichts verkehrt sein, oder?

Meine Mutter ist, genau wie die meisten Mütter, natürlich um die Gesundheit ihrer Tochter besorgt. In der Regel hängt ihre Sorge, um meine Gesundheit, dann mit meiner Lust nach ständiger Bewegung zusammen. „Übertreibe es bitte nicht!“ „Gönn dir doch auch einfach mal etwas Ruhe!“ „Sag den Lauf doch einfach ab!“…das sind nur einige Beispiele, wie sich meine Mama dann mir gegenüber äußert. Da sie nun auch noch Ärztin ist, belegt sie ihre Sorge stets fachlich!

Als ich letztens auf einen Kaffee bei ihr war, hat sie mir ganz nebenbei eine Zeitschrift zugeschoben. Ich habe dies erst gar nicht gemerkt, wurde dann am Ende aber darauf hingewiesen, dass ich doch meine Zeitung nicht vergessen sollte. Die MMW Fortschritte der Medizin.
Die Titelseite verriet mir schon alles. Eine Frau, die gerade einen sauberen Liegestütz ausführt. Daneben die Aufschrift „Sport bis zum Kollaps“. Lesen macht ja aber nicht dümmer, also nahm ich die Zeitung mit.

Thema des eigentlichen Artikels ist „Sport als Suchtmittel“.

Diesem Bericht folgend gehen die Mediziner davon aus, dass 5% der Athleten als suchgefährdet gelten. Allerdings lasse sich nur sehr schwer feststellen, wie viel Menschen tatsächlich davon betroffen sind. Die 5% wurden mittels einer Befragung von 1000 Teilnehmern von Ausdauersportveranstaltungen ermittelt. Diese Sportler seien zumindest stark suchtgefährdet.

Was ist nun aber charakteristisch für eine Sportsucht?

Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen, erhöhte Reizbarkeit, Depressivität, Ängstlichkeit, dem  Gefühl der Fremdbestimmtheit und des zwanghaften Handelns  bis hin zum kompletten Kontrollverlust sind die Merkmale, die bei der Sportsucht, genau wie bei anderen Suchtkrankheiten aufgeführt werden.

Ein weiteres Anzeichen für eine Sportsucht ist beispielsweise auch die Tatsache, dass andere Aktivitäten zunehmend in den Hintergrund geraten. Die Freizeit und der Urlaub stehen dann nur noch im Zeichen des Trainings.

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Patienten die Sportsüchtig sind, stimmen folgenden Aussagen zu:

  • Sie erzählen Ihrem Umfeld nicht, dass Sie so viel Sport treiben
  • Sie ignorieren Warnzeichen des Körpers wie Schmerzen, Erschöpfung, Fieber und Stressfrakturen
  • Sie halten 100km Laufen oder 400km Radfahren in der Woche für normal und steigerungswürdig
  • Manche Sportarten, wie zum Beispiel das Radfahren gelten für Sie nicht als Sport
  • Keinen oder wenig Sport treiben zu können, empfinden Sie als Strafe, sie bekommen dann Entzugserscheinungen
  • Sie vernachlässigen soziale Kontakte
  • Sie stehen extra Früh auf, um vor der Arbeit laufen zu können
  • Wenn Sie Ihre Hauptsportart wegen Schmerzen oder Verletzungen nicht betreiben können , weichen Sie auf andere Sportarten aus, um Ihr Pensum zu erfüllen
  • Sie treiben Sport um eine positive Stimmung aufrechtzuerhalten

Aktuell diskutieren die Mediziner und Wissenschaftler noch über die Entstehung der Sportsucht. Man geht aber davon aus, dass manche Menschen in sensiblen Phasen besonders anfällig sind, um ein Suchtverhalten zu entwickeln.  Bei der Suchtentstehung erkennen die Psychologen sowohl biologische wie auch psychosoziale Ursachen. Zentral sind für die Mediziner vor allem die positiven Kontrollerfahrungen. Wir Sportler entwickeln durch Ausdauertraining spezifische Willensqualitäten, können besser als zuvor Ablenkungsreizen begegnen und erreichen schnell selbstgesteckte Ziele.

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Problematisch würde dies, wenn das Selbstwertgefühl von außen bedroht wird, dann werden Probleme mit Sport kompensiert. Der Sport wird zum Hauptmittel der psychischen Stabilisierung.  Mit der Zeit stellen sich dann Toleranzeffekte ein, wir müssen unser Trainingspensum immer weiter erweitern. Schließlich fixieren sich die Sportler zunehmen auf die sportliche Aktivität, wobei das Ausbleiben des Sport zum Stressor wird.
Und genau an diesem Punkt scheinen die Athleten die Kontrolle über ihr Handeln zu verlieren, der Sport wird zum Zwang.

Ich muss zugeben, dass ich meine Mutter bislang belächelt habe, wenn sie mir etwas von Sportsucht erzählen wollte. Doch ich muss ebenso zugeben, dass das ein oder andere Merkmal eindeutig zutrifft. Allerdings verstehe ich nicht, wie man sich verbessern soll, wenn man sein Pensum nicht erhöht. Und dass man in Zeiten der Verletzung auf andere Sportarten ausweicht, ist in meinen Augen auch logisch.

Jeder von uns, der sich entschieden hat ambitioniert Sport zu treiben, sehnt sich nach der Verbesserung seiner Leistung und würde damit automatisch Stück für Stück in das Raster eines Suchtkranken fallen.

Ich denke es ist unmöglich besser zu werden, ohne das Training zu intensivieren. Und damit wären wir alle irgendwie sportsüchtig.

Wo seht ihr euch? Mitten drin, in der Sportsucht, oder doch noch weit entfernt davon?

 

Quelle: MMW Fortschritt der Medizin Ausgabe vom 03. März 2016

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