Der schönste Halbmarathon Europas?

In diesem Jahr stand der 30. Aletsch-Halbmarathon an. Im Jahr 1986 gingen erstmals 143 Teilnehmer an den Start. Heute sind es 2500 Starter verschiedenster Nationen…und wir waren dabei.

Anfang Mai erhielt ich die freudige Nachricht, dass ich zwei Startplätze für den Altesch-Halbmarathon in den schweizer Alpen gewonnen habe. Ich fragte mich – Wer soll und kann mich begleiten? Als erstes dachte ich selbstverständlich an Benny, meinen Mann. Allerdings lehnte er gleich dankend ab. Nach unserem Strongman und dem bevorstehenden Triathlon im Juli wollte er sich das nicht auch noch „antun“. Also überlegte ich weiter – ziemlich schnell hatte ich meine kleine Schwester Nathalie im Kopf. Sie läuft seit längerer Zeit und hat die 10 Kilometer-Marke längst überschritten. Für sie müsste es also machbar sein.
Sie sagte zum Glück auch gleich zu. Schnell hatte ich ihr einen Trainingsplan erarbeitet. Kurze Zeit später standen die ersten gemeinsamen Trainingsläufe auf dem Plan, die wir jeweils im Profil absolvierten. Doch schon bald geriet unsere Vorbereitung durch diverse Zwischenfälle ins Wanken….Weisheitszähne wuden entfernt, Abi-Prüfungen geschrieben, Oberschenkel verletzt, Schienbeine überansprucht, ein Marathon gelaufen, freie Wochenenden gestrichen, Abifahrten mit übermäßigem Alkoholkonsum durchgezogen… Unser Experiment schien zu scheitern. Der Lauf in der Schweiz schien ein kleiner Traum zu bleiben.

Doch irgendwie wendete sich das Blatt kurzfristig doch noch. Wir entschlossen uns zu fahren und den Halbmarathon so gut es nur geht zu überstehen. Ankommen war das Ziel…ohne Stress, ohne gute Zeiten…ankommen und möglichst noch vor Zielschluss das Bettmerhorn erreichen.

Am Samstag sind wir 7 Uhr am Morgen aufgebrochen. Hinter uns lag eine kurze Nacht, denn am Vorabend waren wir auf Nattchens Abiball. Wir waren entsprechend erschöpft, aber absolut motiviert. Da wir auf dem Weg drei Mitfahrgelegenheiten aufsammelten waren wir länger als geplant unterwegs. Am Nachmittag erreichten wir Zürich. Von hier ging es weiter nach Luzern, wo wir den letzten Mitfahrer absetzen. Knapp drei Stunden später erreichten wir schließlich Betten Talstation. Von hier aus ging es mit der Seilbahn auf etwa 1900 Meter Höhe.

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Es kann quasi los gehen

Auf der Bettmeralp angekommen holten wir unsere Startnummern, bezogen unser Zimmer in der Pension Panorama, stärkten uns mit einem leckerem Abendessen, legten die Sachen für den nächsten Tag bereit und fielen schließlich pünktlich 21.30 Uhr ins Bett.

Am nächsten Morgen hat der Wecker uns 7.45 Uhr, damit zwei Stunden und 15 Minuten vor dem Start, aus dem Bett geklingelt. Wir sprangen in unsere Laufklamotten und saßen kurze Zeit später am Frühstückstisch. Das Angebot war klein, aber ausreichend. Da wir vor allem unsere Kohlenhydratspeicher füllen mussten, reichte das Brot, die Marmelade, das frische Obst, der Joghurt und das Müsli vollkommen aus.

40 Minuten später brachen wir zum Startbereich auf. Eigentlich sollte der erste Block um 9.45 Uhr starten. Wir waren laut Plan 10.00 Uhr im Block vier an der Reihe. Allerdings wurde der gesamte Start um 15 Minuten verschoben. Noch mehr Zeit für Nervosität.

Wir fragten uns zwischenzeitlich was wir denn eigentlich hier machen. Warum genießen wir nicht einfach die tolle Atmosphäre, feuern die anderen Läufer an und fahren mit der Seilbahn zum Bettmerhorn auf über 2700 Meter Höhe. Aber dafür war es jetzt zu spät, die Zeit verging wie im Flug und ratz fatz waren wir an der Reihe. Los ging´s!!!

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Bettmersee

Die Strecke führte zu Beginn durch das Dorf, vorbei an einem richtig schön gelegenen Kletterpark bis hinauf zum Bettmersee. Auf den ersten fünf Kilometern mussten wir nur etwa 100 Höhenmeter überwinden. Der stärkste Anstieg lag auf diesem Abschnitt etwa zwischen Kilometer drei und vier. Auch wenn wir noch gut in Form waren habe ich Nathalie gebeten, den steilen Anstieg zu gehen. Ich wusste, dass wir nicht gleich alle Kräfte zu Beginn des Laufes aufbrauchen können. Der Weg führte uns durch den Wald, bis wir schließlich auf den See blickten. Es war eine wundervolle Kulisse. Wirklich einmalig. Schmale Wege führten uns wieder etwas hinab bis zum Bettmersee. Die Strecke erforderte bereits jetzt viel Konzentration, denn Wurzeln, Steine und die Tatsache, dass die Wege es einem nur erlaubten hintereinander zu laufen, machten die Sache nicht einfacher. Am See angekommen freuten wir uns über die Zuschauer, die uns fleißig anfeuerten. Vor uns lag die erste Getränkestation, die wir auch nutzten. Nattchen bekam von mir den ersten Becher Wasser in den Nacken gegossen. Das tat ihr gut und sie konnte neue Kraft sammeln.

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Happy am Bettmersee – Laufen befreit!

Wieder hieß es einen leichten Anstieg zu überwinden, bevor wir eine lange Strecke bergab laufen „durften“. Auch das ist nicht einfach. Es ist nun mal ein Trail-Lauf, der auch bergab eine Herausforderung ist. Wie viele Läufer bekam auch Nattchen Probleme und hatte Schwierigkeiten den Atemrhythmus beizubehalten. Gerade in einer Höhe wie dieser, in der die Luft sowieso dünn ist, ist falsches Atmen eher suboptimal. Ich versuchte auf sie einzureden und sie immer wieder daran zu erinnern, dass sie doch bitte nicht zu schnell und zu kurz ein- und ausatmen soll. Irgendwie hat sie es schließlich geschafft und bis zum nächsten steilen Anstieg durchgehalten. So richtig trauten wir bei Kilometer 10 unseren Augen nicht.

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Phänomen – Läuferschlange

Vor uns sahen wir eine unendlich lange Läuferschlange die sich über den gesamten Berg schlängelte. Es war ein beeindruckendes, aber irgendwie auch beänstigendes Bild. Dieser Berg schien doch irgendwie kein Ende zu haben. Immer wenn man dachte, da ist die Schlange zu ende, sah man ein Stück weiter oben, dass sich diese Läuferkette fortsetzte. Nun gut, wir hatten ja bereits fast die Hälfte geschafft…jetzt wegen so einem Berg aufzugeben wäre doch lächerlich, vor allem da wir wussten, dass dieser klein ist im Vergleich zu dem, der uns am Ende erwartete. Während Nattchen Stück für Stück den Berg bezwang, nutzte ich die Gelegenheit die einmalige Landschaft zu genießen. Es schien wie ein kleiner Traum zu sein. Alle Ängste und Sorgen fielen ab. Ich konnte tief durchatmen und einfach alles vergessen…ich konnte die Waschmaschine anschalten und den Kopf waschen. Es war ein wundervolles Gefühl. Außerdem musste ich nach diesen kurzen Foto- und Genusspausen immer einen kleinen Sprint einlegen um Nathalie wieder einzuholen, auch das fand ich schön. Einfach kurz an allen anderen Läufern vorbeizusprinten, die sich eben diese Momente nicht gönnten. Sehr amüsant 🙂
Nachdem wir diesen Berg bezwungen hatten, konnten wir ersteinmal einfach nur laufen. Bis zum Kilometer 14 blieb die Strecke weitestgehend ohne nennenswerte Anstiege. Wir liefen durch wundervolle Wälder…. rechts von uns steile Felsen, links von uns steile Abhänge. Wir mussten uns stark konzentrieren. Ein falscher Schritt…und man hätte leicht den Abhang hinab rutschen können. Nattchens Laune wurde zunehmend schlechter. Sie hatte den Punkt erreicht, an dem ihr Körper eigentlich keine Kraft mehr hatte. Ich merkte, dass ihre Beine nachließen und habe immer wieder auf sie eingeredet und ihr gesagt, dass sie sich doch bitte ganz stark konzentrieren soll. Hinter uns lagen 14 Kilometer…vor uns also noch sieben. Mir war klar, dass es für meine kleine Schwester ein Kampf wird, der jetzt erst richtig begonnen hat.
Dann passierte es…ein kleiner Moment der Unaufmerksamkeit…Nathalie fiel über ein paar aus dem Boden ragende Felsen. Oh mein Gott. Ich hatte mich tierisch erschrocken, half ihr sofort auf und hoffte einfach nur, dass sie sich nicht verletzt hat. Zum Glück – auf weichem Waldboden ist die Verletzungsgefahr halt doch geringer 🙂 Sie war in Ordnung. Wir rückten trotzdem erstmal zur Seite und pressten uns an die Felswand, um den anderen Läufern das Durchkommen zu ermöglichen. Sie sollte sich erstmal stärken. Ich hatte meinen Trinkrucksack mit einem Iso-Getränk gefüllt. Außerdem hatte ich Gel-Chips dabei. Beides „verabreichte“ ich ihr, bevor wir uns wieder auf den Weg machten. Nun war die gute Stimmung gänzlich dahin. Wir verließen den Wald und ich konnte wieder das wundervolle Panorama genießen, das uns die Alpen boten. Allerdings ging es von nun an auch nur noch bergauf.

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Berge in den Alpen – eigentlich logisch

Nathalie war eigentlich am Ende ihrer Kräfte. Die Phasen in denen wir gehen mussten wurden immer länger. Niemals hätte sie es geschafft diese Anstiege zu laufen. Aber das war nicht schlimm. Warum denn auch? Bis jetzt lagen wir sehr gut in der Zeit, das Ziel vor dem Zielschluss zu erreichen müssten wir locker hinbekommen. Ich ließ sie also gehen. Ab und zu lief sie plötzlich total überraschend an mir vorbei. Sie nutzte die Momente in denen ihre Kraft zurückzukommen scheint. War ich stolz auf sie, ich war glücklich zu sehen, wie sie kämpfte und endlich wieder den Gedanken an das Aufgeben verstoßen hat. Hin und wieder bot sie mir an, doch einfach vorn weg zu laufen. Wie bitte? Ich dachte ich höre nicht recht. Sie ist wegen mir hier. Sie hat mich mit ihrem Mut zur Teilnahme unterstützt…und jetzt soll ich sie allein lassen, wo sie doch so kämpfen muss? Niemals! Nein! Das kam für mich überhaupt nicht in Frage. Hand in Hand liefen wir  gemeinsam weiter!

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Gemeinsam sind wir stark!

Wir liefen und gingen also immer weiter. Vorbei an der Hohfluh und irgendwann passierten wir auch die Moosfluh. Dieser Punkt war für uns sehr wichtig, denn er musste unter einer Zeit von 3:30 Stunden erreicht sein, sonst würde man aus der Wertung ausgeschlossen. Wir passierten diese jedoch deutlich vor dieser Zeit 🙂

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Die Moosfluh in einer guten Zeit erreicht.

Immer wieder legten wir kleine Trinkpausen ein…und jetzt verstand Nathalie auch, warum ich meinen Rucksack dabei habe. Vorher hat sie mich noch kritisch beäugt und mich gefragt, was ich denn damit möchte, wo es doch unterwegs reichlich Getränkestationen gibt.

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Auf dem Berg ist das Ziel!

Etwa ab Kilometer 18 hatten wir dann das Ziel vor Augen. Vor uns lag eine Gerade, der sich ein riesiger Berg anschloss. Au Backe, dachte ich – die Schweizer sind doch tatsächlich irre. Aber was solls, wir kommen da schon irgendwie hinauf.
Ich sagte Nathalie schon jetzt, dass wir vor dem letzten – ich würde jetzt von einem Aufstieg, nicht mehr Anstieg reden… bevor wir also den letzten absolut steilen Aufstieg in Angriff nehmen, werden wir uns nochmal mit einem Gel-Chip stärken, etwas trinken und nochmal das Asthmaspray gebrauchen. Dies taten wir knappe acht Minuten später am Fuß des Gipfels dann auch.

Nun hieß es ein letztes Mal alles geben, kämpfen und den Gipfel erklimmen. Längst lief niemand der Teilnehmer mehr. Der Pfad der hinauf zum Bettmerhorn führte war einfach zu steil. Ich umarmte meine kleine Schwester, nahm sie an die Hand und versprach ihr, dass wir das gemeinsam zu Ende bringen. Ich werde alles dafür tun ihr die letzten zwei Kilometer irgendwie leichter zu machen. Und so stützte ich sie wo ich nur konnte. Ich habe sie gezogen, geschoben und durchweg motiviert jetzt auf keinen Fall aufzugeben. Der Blick auf den Altesch-Gletscher, den größten Gletscher der Alpen machte beim Aufstieg nochmal deutlich, an was für einem genialen Extremlauf wir gerade teilnehmen. Mit den Gedanken im Kopf eine solch einmalige Herausforderung zu meistern, fielen uns die nächsten Meter und Kilometer etwas leichter.

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Der Altesch-Gletscher, was für ein Blick!

Etwa 30 Minuten später saßen die ersten Zuschauer auf den Felsen an den Seiten und riefen uns zu, feuerten uns an und gaben uns nochmal viel Kraft. Wir wussten, es war nicht mehr weit. Wenige Augenblicke später standen wir vor der 21 Kilometer-Marke. Nur noch 100 Meter, los – es ist gleich geschafft!!!

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100 Meter vorm Ziel

Dann war es soweit. Wir hatten das Ziel vor Augen – pötzlich packte uns der ganze Stolz – wir liefen so schnell wir konnten und es unsere Beine erlaubten Richtung Ziel.

Kaum hatten wir die Ziellinie überquert fielen wir uns überglücklich in die Arme. Wir hatten es geschafft. SIE hatte es geschafft – meine kleine Schwester. Zum ersten Mal in ihrem Leben lief sie einen Halbmarathon…und dann auch noch unter diesen Bedingungen. Es war einfach nur wunderbar!

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Geschafft! Überglücklich im Ziel angekommen.

Wie versprochen ging ich vor ihr auf die Knie, denn ich bin absolut überzeugt davon, dass nicht jeder so viel Ehrgeiz, Mut und Kraft aufbringen kann und einen solchen Extremlauf meistert.

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Für diese Leistung musste ich auf die Knie gehen

Hinter der Ziellinie nahmen wir noch unsere Finisher-Shirts entgegen und genossen anschließend einfach nur das gute Gefühl. In der Sonne liegend konnte nun auch Nathalie das tolle Panorama der Alpen und des Aletsch-Gletschers genießen 🙂

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Blick auf die Bettmeralp & den Bettmersee
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Blick auf den Aletsch-Gletscher

Es war ein wirklich wundervolles Erlebnis. Der Aletsch-Halbmarathon mit seiner einmaligen Kulisse ist für mich der schönste Halbmarathon, den ich bislang gelaufen bin. Die traumhaften Bilder, die sich uns boten konnte ich nur genießen, weil ich Nattchen dabei hatt – was für ein Glück!!!

 

P.S. verzeiht mir die vielen Bilder, aber ich konnte mich einfach nicht entscheiden 🙂

4 COMMENTS

  1. Hallo Christiane,
    echt tolle Fotos von deinem Aletsch-Halbmarathon, einfach der Wahnsinn, wer hat die Fotos von euch zweien gemacht? Bei mir ist das genauso: jeder Meter in Bewegung zählt und Ausreden gibt’s net …spätestens am Bodensee sehen wir uns ja mal 🙂 https://www.facebook.com/andre.heide.9
    Gruß Andre

    PS. ich bin der Halbbruder von der Sophie 🙂

    • Hallo André,
      auf der Strecke waren verschiedene Fotografen stationiert. Die hatten ne komplette Ausrüstung dabei. Teilweise ist man in eine Art Outdoorfotostudio gelaufen 😉 Mit Schweinwerfern etc. Wir freuen uns, dass du am Bodensee dabei bist! LG Christiane

  2. Im Nachhinein bin ich sooo froh, dass du mich nicht allein gelassen hast. Hätte ich das nicht zu Ende gebracht, wäre ich so enttäuscht gewesen (;

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